Sein Arbeitgeber stellte Ehemann M einen schicken Audi Quattro. Ich, Ehefrau, hatte nada, nishto, weder einen Audi, noch nicht mal einen Wolga. Für meine unwichtigen Termine in Sveti Konstantin, kleiner ruhiger Ferienort zwischen Varna und Goldstrand, fehlte also ein fahrbarer Untersatz. Im Grand Hotel plantschte ich oft im Thermalbad und gab netten TUI-Touristen Thai-Chi-Unterricht. Das Areal mit mehreren Hotels und Stränden schien damals der Multigroup zu gehören, dem Oligarchen Ilya Pawlow. Zu seiner Geburtstagsfeier erschienen seine Gäste mit privaten Helis und noch privateren Girlies. Die Touristen mussten Liegen und Pool verlassen. Unsere urlaubende Freundin Eliane konnte es nicht fassen, aber Ilyas Partygäste hatten absoluten Vorrang vor wütenden Touristen. Pawlow wurde übrigens 2003 in Sofia abgeknallt.

Seis drum, wie kam ich nach Sveti Konstantin ohne eigenes Fahrzeug? Öffentliche Busse waren damals keine gute Lösung, stammten wohl noch aus Stalins Zeiten, oft schmuddelig, einige fuhren ohne Fensterscheiben und der Konduktor beschiss. Nervig. Ein Taxi (Taksi) musste her. Als ich einen sehr netten Taxifahrer aufgabelte (mit funktionierendem Taxameter), dachte ich – anfüttern. Sein alter Wagen war sehr gepflegt, obendrein konnte er halbwegs in Englisch parlieren. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, denn er wurde unser privater Taxifahrer. Aufgrund seiner Verlässlichkeit erhielt er außerdem bald größere Aufträge von Ehemann M’s Konzernarbeitgeber. Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten wurden nach Sofia, Burgos und Shumen chauffiert oder von diversen Flughäfen abgeholt. Hristo avancierte so zu einem Kleinst-Unternehmer. Sekretärinnen des Konzerns führten ihn auf der Einsatzliste, wenn mal kein Werksfahrer zur Hand war. Urlaubten Freunde von uns am Goldstrand, wurde Hristo als Privat-Chauffeur für diverse Ausflüge gebucht. Guter Mann.

Hristo war absolut stolz auf sein Land und erzählte immer wieder gerne, wie intelligent Bulgaren sind. Allerdings hegte er Zweifel an der Intelligenz der Regierungsmitglieder, da hätte er nun gar keine Visionen mehr. Hristo war wie viele in Euphorie gefallen, als der vor 50 Jahren ins spanische Exil geflohene Zar sich zurück bequemte und zum Ministerpräsidenten küren ließ. Ganz Bulgarien befand sich in Aufbruchsstimmung, eine große nationale Bewegung erhoffte sich Wunder von der Wahl im Jahre 2001. Viele weiße Flecken im C.V. von Zar Simeon II brachten allerdings schnell Gerüchte und Spekulationen hervor. Schon wurde öffentlich protestiert, weil er angeblich in größere Waffengeschäfte verwickelt war. Nun ja, Simeon Borissow Sakskoburggotski (Simeon von Sachsen-Coburg und Gotha) heimste sich sofort seine ehemaligen Ländereien und Schlösser ein. Dem Wählervolk versprach er natürlich das Blaue vom Himmel, die Ernüchterung kam schnell. Mangelnde Sachkenntnisse und ein ungesunder Verbund mit Teilen der orthodoxen Kirche, der Organisation TIM und der Multigroup ließ nichts Gutes erwarten. TIM war und ist gerüchteweise derzeit der wirtschaftlich wichtigste Machtfaktor in Bulgarien, unter der Führung eines Herrn Mitew. Fatalerweise soll diese Unternehmensgruppe mafiöse Strukturen enthalten. Vorher regierte Ilija Pawlow die wohl noch berüchtigtere Multigroup. Er wurde allerdings, wie erwähnt, vor seinem Büro mit einem Blattschuss hingerichtet. Täter nie gefasst. Ja, unser Hristo wusste so einiges zu erzählen. Und sein Leitspruch war der des Literaten Trojanov: Bulgarien wurde nicht privatisiert, sondern piratisiert.

Hristo kutschierte ausnahmsweise Ehemann M nach Hause. Nach einem langen, chaotischen Arbeitstag fluchte dieser vor sich hin. „Ich brauche nur eine Kalaschnikow, dann ratata…“ „Ne, habe ich nicht, aber hier…“, Hristo nestelte an seinem Handschuhfach und zog einen Schusskugelschreiber hervor. „Das könnte ich dir leihen, eine Kalaschnikow mit Munition zu besorgen würde mindestens drei Tage dauern. Ich könnte dir allerdings heute Abend eine Makarov vorbeibringen.“ Mmh Mmh. „Schon gut. Lass mal.“

Nach unserem endgültigen Umzug in die Schweiz, hörten wir, dass unser braver Chauffeur erfolgreich in der Immobilienbranche mitmischte. Es halfen ihm anscheinend die englischen, nun ja, Sprachkenntnisse, denn es gab plötzlich einen Boom englischer Rentner auf Land, Wohnung und Haus verkaufswilliger Bulgaren. Das ist mittlerweile auch Schnee von gestern, denn nach dem großen Pfund-Absturz stockte die Karawane englischer Pensionäre, die sich einen preisgünstigen Altersruhesitz zulegen wollten.

Mittlerweile werden ganze Dörfer von Motorrad-Klubs aufgekauft und von Nerds, die sich mit ihren Computerfirmen niederlassen.

Wir erfuhren, daß Hristos Taxi von einem LKW überfahren wurde. Hristo wurde schwer verletzt und sei seitdem etwas verwirrt. Armer Hristo.

 

Auszug aus „Schoppska“ von Maria Kahl

Bulgarien, 2000 – 2004

Überarbeitet: Deutschland September 2014

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