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Pobiti Kamani (die zerschlagenen Steine)

Ein unglaubliches Naturphänomen an der bulgarischen Schwarzmeerküste, dem Cerno More, ist ein Steinwald, der die Geowissenschaft seit vielen Jahre fasziniert. Es sind merkwürdige Steine, die weit über fünfzig Millionen Jahre alt sein sollen. Die Wissenschaftler vermuten, das diese Steine durch Erosion und tektonische Hebungen freigelegt wurden. Die hohen zylindrischen Säulen sind innen hohl und mit Sand gefüllt. Sie stehen oder liegen verstreut auf einem weißen Sandmeer. Bei längerem Hinschauen und ein wenig Phantasie nehmen die bizarr geformten Steine immer mehr Ähnlichkeiten mit Menschen, Tieren und Dingen an. Da entdeckt der Betrachter beispielsweise ein Kamel, einen Löwen oder gar einen Thron – nur um einige Figuren zu nennen. Ist es nur ein imposantes Naturschauspiel, oder war gar eine überirdische Kraft am Werk? Eine gewisse Magie kann dem stillen Ort nicht abgesprochen werden. Bleibt zu vermuten, das der Steinwald in grauer Vorzeit ein Heiliger Platz für religiöse Rituale war.

In einer einfachen Holzbude am Wegesrand saß ein alter Mann, der einen kleinen Obolus verlangte. Straßenrand war Parkplatz. Es zirpte, raschelte und rauschte, glücklicherweise machte ein herrlich blauer Himmel die spirituelle Atmosphäre ein wenig realer. Ein kleiner Bach plätscherte leise vor sich hin. Es duftete angenehm nach Gras und Kräutern; Bienen und Hummeln summten über bunte Wildblumen. Am Himmel zogen Raubvögel ihre Kreise. Beim Umarmen der Steinsäulen soll die negative Energie abgegeben werden, und Leib und Seele würden mit positiver Energie aufgeladen. Ja, ein merkwürdiges Gefühl, diese Steine zu umarmen. Und wie so oft, haben die Bulgaren auch hierzu eine Legende mit einem Mägdelein zu erzählen.

Die Legende von Pobiti Kamani

Vor langer Zeit befand sich hier noch ein Binnenmeer, und riesige Meereswogen rollten an das Gestade. Die Ufer wurde von Titanen bewohnt, die Wächter eines Gottes waren. Nun geschah es, dass sich ein unsterblicher, junger Mann in ein Mädchen aus einem naheliegenden Dorf verliebte. Diese aber war einem der Titanen versprochen worden. Der junge Mann begab sich zu dem Titanen und bat ihn, dass Mädel freizugeben. „Gerne,“ meinte dieser, „aber nur wenn du Unsterblicher mir den Namen des Gottes preisgibst, den wir Titanen bewachen.“ Der junge Mann wusste, wenn er den Namen verraten würde, wäre er nicht mehr unsterblich. Und so verfiel er auf eine List. Er bat alle Titanen, sich auf einen großen Platz zu stellen, dann würde er ihnen den Namen des Gottes bekannt geben. Sie folgten dem Aufruf und stellten sich auf. Dann fielen die ersten Sonnenstrahlen auf die Titanen. Da rief der junge Mann: „Ich habe den Namen des Gottes mit Euren Körpern geschrieben.“ Das gefiel dem Gott, er war gerührt und verwandelte alle Titanen in Steine.

So konnte der listige Unsterbliche endlich das Mädel zu seiner Frau nehmen, und als er sie glücklich umarmte, sprudelte Quellwasser unter ihren Füßen empor.

Das heilende Quellwasser soll anscheinend immer noch gegen Nierenleiden angewandt werden.

Sage erzählt von Elisaveta Sovtova, Varna

Auszug aus „Schoppska“ von Maria Kahl

Bulgarien, 2008

Deutschland, 2016

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